Na Berlin, zeckt der Kater noch?

Ich hoffe es sehr. Nichts anderes habt ihr verdient nach diesem Pfingstwochenende der Schande. Euer Kopf soll sich anfühlen als würde er explodieren – bei jeder kleinsten Bewegung. Euch soll übel sein von all dem Sekt auf Eis, den ihr so mögt, von der ein oder anderen Line Koks, die das Taxi eures Vertrauens euch bis vor die Haustür geliefert hat und das Keta und oder die Teile sollen ihr übrigens tun. #enjoyyouremokater

Aber am meisten soll euch die Scham übermannen. Die Scham über eure Schein-Solidarität, über euren Egoismus, eure Gedankenlosigkeit. 

Party und Politik. Yeah?

Das Partyboot mit politischen Bannern schmücken. Was habt ihr euch da gedacht? Während es in den USA gerade buchstäblich brennt, während schwarze Menschen auf die Straße gehen, ihre Verzweiflung, Angst und Hoffnungslosigkeit auch in den sozialen Medien mit uns teilen und sich in dieser Zeit nicht einmal auf ihr Staatsoberhaupt, einen der schlimmsten Menschen, den diese Welt je ertragen musste, verlassen können, wird in Berlin feuchtfröhlich #daydrinking betrieben, genüsslich auf der Spree geschippert und aber klar, so progressiv und solidarisch sind wir Berlinerinnen und Berliner – Banner mit netten Botschaften, die basteln wir auch. 

Manche waren wohl schon beim Erstellen dieses Banners so benebelt, dass sie die letzten Worte von George Floyd “I can’t breathe” nicht einmal mehr richtig schreiben konnten. Wahrscheinlich konntet ihr in dem Moment selbst auch nicht mehr ganz so gut breathen von all dem Streckmittel in euren Nasen. (Shoutout an dieser Stelle: You know who you are.) Aber macht ja nix. Der Gedanke zählt. Und oh: Refugees absolut auch welcome. Und bitte rettet doch unsere Clubszene. So viele Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Party und Politik! Woho yeah, Berlin-Style! #SoBerlin. 

Die Superspreader-Spree-Party ist keine Lösung

Ich könnt kotzen. Ich schäme mich. War bestimmt alles gut gemeint. War aber auch trotzdem scheiße.

Und ja, auch ich liebe die Technoszene. Auch ich vermisse Raves, die Musik, das Beieinandersein, so tanzen, dass man den Muskelkater 3 Tage später noch spürt. Ich vermisse es, benebelt und voll mit Glücksgefühlen zu tanzen und die Zeit zu vergessen, schöne fremde Menschen zu küssen und meine Freundinnen und Freunde zu kuscheln.

Gleichzeitig tobt gerade eine Pandemie. So sehr wir uns auch freuen, dass der himmlische Berliner Sommer nun in den Startlöchern steht, so sehr müssen wir uns immer noch zusammenreißen. Wenn nicht für uns, dann doch bitte aus Solidarität zu denjenigen, die eine Erkrankung nicht so leicht wegstecken, die nicht wegen eurem Egoismus, eurer Verdrufftheit auf der Intensivstation landen wollen. Und wie schamlos und ignorant von euch auch vor einem Krankenhaus rumzulümmeln! Einen besseren Ort zum Scheißesein in der Masse hättet ihr nicht finden können.

Vor ein paar Wochen noch habt ihr die netten Social-Media-Videos von Menschen geteilt, die sich gegenseitig auf den Balkonen etwas vorgespielt, die gemeinsam getanzt oder das Pflege- und Supermarktpersonal gefeiert haben. Wo ist eure Solidarität jetzt? Ist die Feierwut nun doch wichtiger? Die geliebten Bars und Clubs bangen um ihre Existenz. Hier muss eine Lösung her. Eine Superspreader-Spree-Party löst nichts.

Setzt euch hin und reflektiert.

Wenn ihr Solidarität beweisen wollt, dann postet und feiert weiter – mit Abstand und Rücksicht aufeinander. Aber vor allem informiert euch darüber, wie ihr zu einer besseren veränderten Gesellschaft beitragen könnt. Was diese Welt braucht, sind aufgeklärte Menschen, die die Augen offenhalten, die #BlackLivesMatter nicht nur als stylischen trendy Slogan für den Schlauchbootausflug nutzen, sondern ernst nehmen und leben. 

Gestern war so ein Tag dafür. Ihr hättet euch am #blackouttuesday Zeit nehmen können. Wahrscheinlich habt ihr das aber gar nicht mitbekommen, weil ihr auf einer After Hour festhingt. Oder eben mit dem Kater gekämpft habt.

Denken wir über unsere Privilegien als Weiße nach und darüber wie wir alle gemeinsam dazubeitragen können, dass Rassismus endlich endlich angegangen wird. Setzen wir uns hin, werden Anti-Rassisten und gedenken George Floyd und allen Frauen und Männern, die in den letzten Jahren Opfer rassistischer Polizeigewalt geworden sind mit der angemessenen Portion Respekt.

Und denken wir dabei auch an das, was vor der eigenen Haustür passiert.

Das wäre eine schöne Sache. Eine wichtige Sache.

Dafür würde ich euch mit Liebe aus der Ferne umarmen und euch den bösen Kater wieder vom Hals wünschen.

Klasse.

So leicht ist es nicht auszumachen, was die beiden da an der Ampel unterscheidet.
Nicht auf den ersten Blick.
Sie sind beide hübsch.

Doch die eine leuchtet. Ein zarter Schimmer umgibt sie. Alles an ihr ist zart.
Die Gesichtszüge weich und elegant.
Ein Gesicht wie ein Gemälde. Porzellanhaut, Porzellanbewegungen. 
Kluge Augen schauen dich an, ein sanftes Lächeln, stetig auf dem Gesicht.
Zuversichtlich. Sorglos. Königlich.

Zeugnisse aus einem behüteten Leben. 
Klavierunterricht, immer ordentlich und sauber gekleidet. Nach dem Klavier geht es zum Reiten. Die Wochenenden im Tennis Club.
Bestnoten in der Schule, kleine Exzesse als Teenager, alles in Maßen. 
Die Freunde aus gleichen Verhältnissen.
Alle wohnen in schönen Straßen, in großen Wohnungen.

Wie, andere haben es schlechter? Was soll das schon heißen? 

Die andere auch schön, nur auf eine gröbere Art. 
Die Haare widerspenstig, stumpfer. Ein paar Pickel heilen gerade ab, die Haut ist ölig. 
Und dunkler.

Ihre Augen stechend, lauernd, rastlos.
Der Mund oft verächtlich, das Lachen zu laut.
Was du ihr erzählst, zerreißt sie gedanklich. Was weißt du schon!

Großgeworden zwischen grauen Klötzen. Mit 11 die erste Zigarette.
Im Block reicht jemand eine Fotografie von einem Mädchen aus der Nachbarschaft herum. Sie ist nackt, betrunken. 15 Jahre alt. 
Und nicht allein auf dem Foto.

Zuhause wird viel gebrüllt. Für den sehnlichen Wunsch nach Reitstunden ist kein Geld. 
Dann hat Mama Krebs. Schlimmen Krebs.
Sie hat Angst. Sie ist viel allein mit Mamas neuem Freund.
Wenn er sie anschreit, treten seine gelben Augen hervor. 
Wenn er schreit, blinzelt er nie.
Starrende, gelbe, glubschige Augen.

Wie, andere haben es besser? Was soll das schon heißen?

Gleiche Stadt, gleiches Geschlecht, gleiche Zeit. 
Perspektive, Lebensfreude, Zuversicht, Ausstrahlung so verschieden. 

Woher nur kommt der Schimmer der einen? Das grobe Grau der anderen?

Nur eine hat Klasse.